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BUCHTIPP
Juli Zeh und Simon Urban "Zwischen Welten"
Buchtipp von Nadja Schettler
Geschrieben am 29.01.2023
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"...Du klingst wie der Waschlappen, als den ich Dich gestern beschimpft habe."

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Zwei Studienfreunde und WG-Bewohner treffen sich nach Jahren wieder.

 

Aus der anfänglichen Freude wird schnell Frust, ein Wort gibt das andere und nun versuchen Stefan und Teresa per WhatsApp und Email zu kitten, was da angeknackst worden ist.

Doch die Seiten, auf denen sich beide gegenüber stehen, können gegensätzlicher nicht sein:

 

Teresa hat nach dem abgebrochenen Germanistikstudium jetzt neben Mann und zwei Kindern auch noch den Milchhof des Vaters in der brandenburgischen Provinz in ihrer Verantwortung.

Stefan ist momentan ungebunden, erfolgreich in seiner Arbeit als Redakteuer einer alteingesessenen Zeitschrift und immer am Puls der Zeit.

 

Die Fetzen fliegen schriftlich: Gendersternchen, Klimapolitik, die Rassismusdebatte, die Unterschiede zwischen Ost und West, Stadt und Land - alles hauen sich die beiden um die Ohren.

Anfangs kriegen beide noch die Kurve, zu tief ist die alte Freundschaft und Verbundenheit, um trotz der offensichtlichen klaffenden Abgründe zwischen ihnen den Kontakt abzubrechen.

Doch im Laufe der Zeit verschieben sich Ansichten und Grenzen, der eine erlebt am eigenen Leib, wovor der andere noch Monate vorher gewarnt hatte und beide Leben ändern sich innerhalb eines Wimpernschlages dramatisch...

 

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Es ist harter Tobak, den Juli Zeh und Simon Urban als Co-Autor dem Leser da reichen: 

nichts wird beschönigt, nichts wird ausgespart: von Cancel Culture über die AfD bis hin zum Krieg zwischen Russland und der Ukraine, den alten weißen Männern, Aktivismus aller Arten und Farben - sämtliche Sprengstoffthemen der letzten Zeit sind vertreten und so deutlich aufgegriffen, dass man beim Lesen von einem Extrem ins nächste fällt.

 

Es werden unbequeme Ansichten gezeigt, Platitüden infrage gestellt, Stereotypen in jeglichen Facetten tauchen auf und jeden Menge wirklich wichtige und aktuelle Fragen zwingen den Leser, seine eigene Meinung zu überprüfen, zustimmend zu nicken oder abwehrend den Kopf zu schütteln.

 

Das Ganze geht in einem rasenden Tempo vor sich, denn durch den eigenwilligen Aufbau des Romans aus kurzen WhatsApp-Nachrichten und längeren Emails sieht man Stefan und Teresa quasi direkt über die Schulter, steht neben ihnen und bekommt alles hautnah mit.

 

Unmöglich, das Buch nach den ersten Seiten aus der Hand zu legen.

 

Was bleibt, ist der Eindruck von Sprachlosigkeit gegenüber einer beeindruckenden Geschichte, die sich - leider - im Moment jeden Tag direkt vor unseren Augen abspielen kann. 

Sicher ist dank der schriftstellerischen Freiheit einiges hochstilisiert und überzeichnet, aber dem Kern der Idee kann man nur schlecht ausweichen und ihn noch schlechter klein reden.

 

Eine ungewöhnliche, aber unbedingt lesenswerte Zusammenarbeit zweier Autoren leigt hier vor, die es beide ausgesprochen gut verstehen, den Finger sehr deutlich in die vielen Wunden der Gesellschaft zu legen und Grenze zwischen Wahrheit und Satire gekonnt verschwimmen lassen.

UNSERE BEWERTUNG